VENUSBERG II – Agrartechnologie im Industriedenkmal
Im oberen Erzgebirge befindet sich die Spinnerei Venusberg II – ein Symbol für die einstige industrielle Stärke der Region. Durch die Nähe zu Flüssen, die die Nutzung von Wasser- und später Dampfkraft ermöglichte, war Sachsen im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine bedeutende Wirtschaftsregion Europas. Mit der Wende wurde jedoch ein Strukturwandel eingeleitet, der den Schwerpunkt vom produzierenden Gewerbe hin zum Dienstleistungssektor verlagerte und zur Schließung vieler Industrieanlagen führte. Die Venusberg II konnte ihren Betrieb noch bis 2022 aufrechterhalten, ehe auch sie wirtschaftlich nicht mehr rentabel war.
Das rund 20 Hektar große Gelände ist noch gut erhalten, zeigt jedoch bereits erste Alterungs- und Verfallserscheinungen. Wie bei ähnlichen Industriedenkmalen aus dieser Zeit stellt sich die Frage, wie man die vorhandenen Gebäude als Denkmal an vergangene Zeiten langfristig erhalten und nutzbar machen kann. Genau dort setzt die Masterarbeit der beiden Baupreisträger im Bereich Architektur an.
Alexander Ostrovskis und Leo Dinkelacker entwickelten ein Transformationskonzept, um den bestehenden Fabrikhallen einen neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen geben zu können. Der gut erhaltene Teil soll weitergenutzt werden, während die geschädigten Bereiche teils zurückgebaut werden sollen. Auf diese Weise wird eine Verschmelzung alter und neuer Aspekte ermöglicht.
Für die Nutzung der Hallen schlagen sie Indoor-Farming vor – eine Form der kontrollierten Lebensmittelproduktion, für die sich die großen Raumhöhen und die stabilen Tragstrukturen besonders eignen. Der Gebäudekern soll die klimatisch sensiblen Bereiche beinhalten, während Arbeits- und Büroräume an den Bestandswänden vorgesehen sind und somit vom Tageslicht der großen Fenster profitieren.
Die Erschließung der Produktionsbereiche soll über bestehende und zusätzliche Übergänge erfolgen. Neue Produktionsgebäude können über Brücken schrittweise angebunden werden. Dächer können als Anbauflächen für Nutzpflanzen dienen, die besonders viel Energie und Sonnenlicht benötigen. Zum Beheizen der Gewächshäuser kann die Abwärme aus den Innenräumen wiederverwendet werden.
Mit ihrem Konzept haben die beiden Absolventen es geschafft, ein Transformationsmodell zu entwickeln, das ökologische, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte miteinander verbindet. Die innovative Idee ist dabei auf viele weitere Industriedenkmale in ganz Deutschland und Europa übertragbar, die von einem ähnlichen Schicksal betroffen sind. Die Arbeit zeigt einmal mehr, wie vielseitig nachhaltige Architektur sein kann.
Zum Download: