Bauen und Digitalisierung: ein (noch) schwieriges Verhältnis?
Noch bis vor wenigen Jahren war es um den Einzug digitaler Anwendungen in die deutsche Bauindustrie nicht gut bestellt. Je nach Studie rangiert dieser Bereich der verarbeitenden Branche zumeist am unteren Ende der Skala – nur noch untertroffen von der Jagd und der Fischerei. Nimmt man die Bauwirtschaft einmal genauer unter die Lupe, ist zudem ein Ungleichgewicht zu erkennen: Laut einer Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) aus dem letzten Jahr ist der Planungsbereich die Teilbranche mit dem höchsten Digitalisierungsgrad und der Bereich, der am stärksten vom positiven Einfluss der Digitalisierung profitiert. Hier können das Bauhauptgewerbe und das Ausbaugewerbe nicht mithalten. Ein Drittel der zum Bauhauptgewerbe zählenden Unternehmen kam gar noch nie mit Digitalisierungsprojekten in Berührung. Das hat Folgen: Die Produktivitätsentwicklung in der deutschen Bauwirtschaft ist verglichen mit der gesamtwirtschaftlichen Lage unterdurchschnittlich. Oftmals wird noch immer wie vor einem halben Jahrhundert gebaut.
Größe macht‘s – aber nicht nur
Aber es tut sich was in der Branche. Immer mehr Unternehmen sehen in der Digitalisierung eine Chance, ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit sowie die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Mit Blick auf die Unternehmensgröße offenbart sich ein Zusammenhang, wie man ihn häufig im Wirtschaftsgeschehen beobachten kann: Je größer das Unternehmen, gemessen an der Beschäftigtenzahl, desto höher fällt der Grad der Digitalisierung aus. Die Großen der Branche haben die Zeichen der Zeit erkannt und digitalisieren daher konsequent, indem sie einen nennenswerten Teil ihres Umsatzes in entsprechende Hardware, Software und Telekommunikationstechnologien investieren. Dabei nimmt die technische Umsetzung von ausführenden Aufgaben nicht nur konkrete Züge an, sondern erweist sich als echter Treiber der digitalen Transformation. Einige Beispiele: Building Information Modeling – kurz BIM – beschreibt eine Methode der optimierten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden mit Hilfe von Software. Alle relevanten Gebäudedaten werden digital erfasst, kombiniert und miteinander vernetzt. In diesem virtuellen Gebäudemodell werden die einzelnen Bauteile und Räume auf der Grundlage ihrer spezifischen Eigenschaften und Verbindungen unter ihnen dargestellt. Das bringt erhebliche Kosten- und Zeitersparnisse mit sich. Diese lassen sich auch beim Hausbau erzeugen: Das amerikanische Start-up ICON BUILD baut mit Hilfe seiner 3D-Drucker ein einstöckiges Haus – in weniger als 24 Stunden. Auch unter den Mitgliedern des Bauindustrieverbandes Ost hält die Digitalisierung sukzessive Einzug. So bedient sich die STRABAG erfolgreich der Drohnentechnologie. Bereits seit 2015 werden dort Drohnen zur Vermessung eingesetzt. Infolgedessen
wurde ein eigenes Drohnen-Kompetenzzentrum eingerichtet, in welchem das Unternehmen heute Dienstleistungen im Bereich der Drohnenvermessung, des Mobile Mapping und der 3D-Datenverarbeitung als einen internen und externen Service anbietet.
Es geht nur gemeinsam
So weit, so digital. Neben den Akteuren auf der bauausführenden Seite ist es allen voran die Politik, die hier in der Pflicht steht, den digitalen Wandel mitzugestalten. Hinsichtlich der zukünftigen Entwicklungen in der vernetzten Welt müssen klare Zuständigkeiten für das Thema Digitalisierung bestimmt und die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden. So können eine kluge, maßvolle Gesetzgebung und unkompliziert abrufbare Fördergelder – vor allem für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) – ein innovationsfreundliches Klima schaffen und eine erfolgversprechende Digitalisierung der deutschen Bauwirtschaft sichern.
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