3 Fragen an ...
Prof. Dr. Joachim Ragnitz, Stellvertretender Leiter der ifo Niederlassung Dresden
Foto: © Elias Hassos
Künstliche Intelligenz (KI) gilt als Schlüsseltechnologie für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Wo sehen Sie die größten Chancen für den Wirtschaftsstandort Deutschland?
KI hat das Potenzial, Arbeitsprozesse enorm zu beschleunigen und damit Produktivitätssteigerungen zu ermöglichen. Dies gilt insbesondere in Bereichen, in denen es auf Informationsbeschaffung und -verarbeitung (z. B. Journalismus, Recherchetätigkeiten) ankommt, in denen die Anwendung standardisierter Regeln im Mittelpunkt steht (z. B. Rechtsanwendung, Übersetzungstätigkeiten, Programmierung) oder es um die Erkennung auffälliger Muster geht (z. B. Diagnose von Krankheitsbildern, Fehlererkennung). Hier werden sich bestehende Berufsbilder wandeln und sicherlich auch Arbeitsplätze verloren gehen. Aber: Genau darin liegt auch die Chance, denn bei zunehmenden Arbeitskräftemangel werden wir viele Arbeitsplätze ohnehin nicht mehr besetzen können.
Die Bauwirtschaft kämpft mit Fachkräftemangel, steigenden Kosten und viel Bürokratie. Welchen Beitrag kann KI leisten, um die Branche produktiver und zukunftsfähiger zu machen?
Manuelle Tätigkeiten auf dem Bau lassen sich durch KI nicht ersetzen, aber dennoch gibt es eine Reihe von Anwendungsmöglichkeiten: Planung und Steuerung von Bauvorhaben, Erfüllung von Dokumentationspflichten, Rechnungslegung und Controlling usw. Das ist dann kostensparend und erhöht auf diese Weise die Produktivität der Firmen. Bislang gehört die Bauwirtschaft zwar noch zu den Sektoren mit der geringsten Anwendung von KI (28 Prozent im Osten, 43 Prozent im Westen), aber das wird sich mit der Verbreitung kostengünstigerer KI-Modelle sicherlich ändern. Auch der Wettbewerbsdruck zwischen den Unternehmen wird dafür sorgen, dass die KI-Nutzung weiter zunehmen wird.
Welche politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht entscheidend, damit Unternehmen das Potenzial von KI künftig besser nutzen können – auch in traditionellen Branchen wie der Bauwirtschaft?
KI wird sich weltweit durchsetzen und damit müssen deutsche Unternehmen hier auch aktiv werden, um im Wettbewerb mithalten zu können. Politisch dreht es sich dann um die Frage, wie man das Verhältnis von Datenschutz und KI-Nutzung besser austarieren kann, wie man den Abfluss von Informationen an Betreiber von Rechenzentren in möglicherweise wenig zuverlässigen Ländern vermeiden kann und nicht zuletzt, wie man den globalen Zugang zu leistungsfähigen KI-Tools sicherstellen kann. Problematisch wäre es, wenn KI als Mittel protektionistischer Handelspolitik eingesetzt würde, wie es gerade erst von der amerikanischen Regierung versucht wurde. Wahrscheinlich muss man deswegen entweder eigene Systeme in Europa installieren oder – was besser wäre – den KI-Zugang im Rahmen allgemeinverbindlicher internationaler Handelsabkommen regeln.
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